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Quelle DIE ZEIT, 18.02.1983 Nr. 08
Chronist der Tollitäten Reporter „dixi" schafft zwei Dutzend Gala-Sitzungen pro Nacht / Von Christian Nümbergei
Es gibt Menschen, die lieben Brahms und Hölderlin, es gibt welche, die lieben Fußball und Tennis, manche lieben Eisbein und Sauerkraut und es gibt „dixi", der, ganz schlicht, Vereine liebt.
Dixi ist ein Phänomen und heißt Günter Dillenburger. Er ist 54 Jahre alt und arbeitet in Frankfurt bei der Hessischen Landesbank als Mädchen für alles. Doch das ist nichts Besonderes. Das Phänomenale an ihm ist seine wohl einmalige Liebe zu den Vereinen.
Ob Fußballer oder Wanderer, Sänger oder Karnickelzüchter, Kegler oder Fanfarenbläser - dixi hat sie in sein Herz geschlossen. Am meisten aber liebt er die Karnevalisten, und diese ihn, und darum gehört dixi zur Frankfurter Fastnacht wie die Lederhose zum Bayern.
Die Rolle, die er dabei spielt, ist die des Reporters. Sein Forum ist die Frankfurter Rundschau, in deren Lokalteil er die Fastnacht öffentlich macht, wofür ihm die anderen Redakteure herzlich dankbar sind. Ihnen nämlich ist der Karneval eine lästige Pflicht, spätestens nach ihrem dritten Bericht.
Für dixi dagegen ist die Fastnacht eine Aufgabe, bei deren Erfüllung er generalstabsmäßig vorgeht und auch Frau, Tochter, Schwiegersohn und einen Computer einsetzt. Im Computer sind die Adressen und Veranstaltungstermine der mehr als tausend Frankfurter Vereine gespeichert. Am Donnerstagabend druckt er aus, was am Wochenende alles läuft, und am Freitagabend, so gegen sieben, zieht dixi los. Dann stülpt er sich eine seiner sechs Karnevalsmützen auf den Kopf, hängt sich drei oder vier seiner ungezählten Orden um den Hals und läßt sich von seinem Schwiegersohn zur ersten Prunk-, Gala oder Fremdensitzung chauffieren. Seine Frau hat er vorher bei irgendeinem Narrenkongreß, Kappenabend oder Maskenball abgesetzt, damit sie ihm berichte, wie es war. Seine Tochter Dagmar schleppt ihm die Phototasche und assistiert ihm, und Uralt-Pudel Susi, der schon zwei Glatzen auf dem Rücken hat, sitzt derweil in der Wohnung und bewacht das Haus.
„Haste schon geheerd, daß die Aindrachd fer zwaa Magg zwanschisch verkauft werden soll?" fragt die Putzfrau in der Butt ihre Kollegin. „Geh fort, warum denn g'rad zwaa Magg zwanschisch?" „Ei, des is der Preis fers Flaschepfand." Tusch. Beifall. Gelächter.
Sagt der Schaffner in der Straßenbahn: „Endstation, alle Mann aussteigen." Alle steigen aus, nur einer bleibt sitzen. „Ei wolle sie denn net aussteische?" „Ich nix Alemann, ich Türke, nix muß aussteigen." Tusch. Beifall. Gelächter.
Zwischen den Trophäen des Jägers hängt auch ein Frauenkopf an der Wand. „Was ist denn das?" „Das is mei Schwieschermudder, die hadd bis zum Schluß geglaabt, sie werd foddograffiert." Tusch. Beifall. Gelächter. Narhallamarsch. Auch dixi lacht und schreibt alles mit, wie er vor Wochen schon mitgeschrieben hat, als der Oberbürgermeister Walter Wallmann und Präsident des Enrenrates der Frankfurter Fastnacht den Karnevalisten bei einem Empfang erzählt hat, daß ihm die Fassenacht in Frankfurt „viel, viel mehr gegeben" habe, „als sich Außenstehende vorzustellen vermögen".
Dixi hat für eine Veranstaltung rund 15 Minuten Zeit, dann muß er zur nächsten und übernächsten, bis er so in der Früh um zwei in der Regel zwischen 15 und 20 Sitzungen besucht und rund 100 Kilometer zurückgelegt hat. Am Samstag beginnt das gleiche Spiel von vorn, und am Sonntag schreibt er die Zusammenfassung für die Frankfurter Rundschau. Dann ist Ruhe bis zum nächsten Wochenende.
Das macht er nun schon seit Jahrzehnten. Finanziell lohnt sich der Aufwand nicht. Auf die beteiligten Familienmitglieder und die aufgewendete Zeit bezogen ergibt sich ein Stundenlohn von rund 2,50 Mark. Aber des Geldes wegen macht dixi es ja auch nicht. „Es ist ja üblich, über Vereine und über den Karneval die Nase zu rümpfen", sagt er, „aber die Leute in den Vereinen geben sich unheimlich viel Mühe, um den Menschen in ihrer Umgebung etwas zu bieten, und man sieht ja an jedem Wochenende, daß vielen das gelingt. Da kommen die Menschen zu Tausenden."
Seine Mitarbeit bei der Frankfurter Rundschau hat er als Sport-Reporter begonnen. Aus dieser Zeit stammt sein Renommee in der Frankfurter Vereinsszene. Damals, in den 50er Jahren, fuhr Günter Dillenburger mit einem Oldsmobile der Marke „Dixi" zu den Fußballspielen in die Provinz. Damit wurde er berühmt. Wenn er durch Frankfurts Straßen fuhr, winkten ihm die Leute zu. Bei der Polizei brachte er es auch zu einigem Ruhm, als sie nach vielen Jahren entdeckte, daß dixi noch niemals einen Führerschein besessen hatte. Vor dem Gefängnis wurde er dadurch bewahrt, daß auf bis heute ungeklärte Weise die Gerichtsakten rechtzeitig vor der Verhandlung verschwunden waren una nie wieder auftauchten.
So blieb er der Frankfurter Rundschau erhalten, deren Redakteure rasch dixis weites Herz für die Vereine entdeckten und ihm immer mehr Aufgaben zuschanzten, so daß er schließlich zu einer Institution wurde, die bei jeder Vereinsfeier anwesend ist und als „die Frankfurter Rundschau" begrüßt wird.
Und so wird er noch viele Jahre durch die nächtlichen Straßen Frankfurts brausen, von Gala- Sitzung zu Gala-Sitzung, von Kampagne zu Kampagne, und das Bühnenbild loben, die Tanz-Mariechen, die Buttenrednery die Tollitäten, die Garde-Korps und die Wirte, die den Weck, die Worscht und den Ebbelwei zu erschwinglichen Preisen verkaufen.
Quelle DIE ZEIT, 18.02.1983 Nr. 08
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