FRANKFURTER FASTNACHT
Ein Köln-Fan als Kinderprinz
Von Daniel Meuren
11.11.2025, 17:38
Die Fastnachter eröffnen die Kampagne. Die Sponsoren halten dem Großen Rat nach demim Sommer bekannt gewordenen Betrugsfall die Treue. Das transparente Vorgehen habeVertrauen in den Dachverband Karnevalsvereine bewahrt.
Mut ist eine gute Eigenschaft für Fastnachter. Sie sollen schließlich in derIdealvorstellung die Mächtigen ärgern und aussprechen, was nur Narren sich trauen.Auf Moritz Hoffmann trifft die Eigenschaft definitiv zu. Der 13 Jahre alte Kinderprinzder am Dienstag traditionell am 11.11. eröffneten Frankfurter Fastnachtskampagnewagte es tatsächlich, bei der Vorstellung im Nordwestzentrum seine Liebe zu einemauswärtigen Fußballklub in Reimform zu präsentieren. „Fußball ist meine großeLiebe, Köln ist mein Verein / dort im Stadion fühle ich mich daheim“, sprach Moritz I.und anschließend wenigstens noch „Helau“ und nicht etwa „Alaaf“.
Den Großen Rat der Frankfurter Karnevalsvereine hat die Zuneigung zum Club aus derrheinischen Karnevalshochburg nicht davon abgehalten, Moritz die Insignien desKinderprinzen zu überreichen. Hohn und Spott werden dem Jungen aus Nieder-Eschbach indes gewiss sein in der Kampagne, wenn er sich bei Sitzungen undUmzügen präsentiert. Aber er hat als Stütze Lisa I, seine starke Zwillingsschwester, anseiner Seite, und als „Die Twins“ wollen die Aktiven der „Eschbäjer Zuckerreube“ nungemeinsam die Kampagne prägen.
Für den Großen Rat werden die Wochen bis zum Höhepunkt der Fastnacht mit den Umzügen Mitte Februar in der Innenstadt und in „Klaa Paris“ auch eine Zeit derBewährung: Im Juni veröffentlichte der Dachverband von mehr als 60 FrankfurterVereinigungen, dass er Opfer eines Betrugs geworden war. Die ehemaligeSchatzmeisterin soll im Zeitraum von drei Jahren rund 60.000 Euro zweckentfremdethaben. Ähnlich soll sie auch an ihrem Arbeitsplatz als Sekretärin der Carl-Schurz-Schule vorgegangen sein, wo sie einen Schaden von 90.000 Euro verursacht haben soll.Die Staatsanwaltschaft wartet noch auf Ermittlungsergebnisse und kann auch aufNachfrage noch keine neuen Details bekanntgeben. Auch der Große Rat will sichöffentlich erst konkret äußern, wenn Anklage erhoben wird und der VereinsanwaltEinblick in die Akten nehmen kann. Lediglich bei der Mitgliederversammlung wurdedas intern beispielhaft beschrieben: Nach Informationen der F.A.Z. soll die frühereSchatzmeisterin mit Geschick und hoher krimineller Energie vorgegangen sein.
Die Aufdeckung des Falls hat nicht nur den Großen Rat sensibilisiert. Rechnungenjeden Betrags werden nun nach dem Vier-Augen-Prinzip kontrolliert. Dem Vernehmennach sind auch die Vereine alarmiert, in vielen Korporationen wird offenbar überSatzungsänderungen und die Optimierung von Kontrollabläufen diskutiert. Kontrolleauch von langjährigen närrischen Freunden soll kein Tabu mehr sein.
Die Sponsoren scheinen die Transparenz, mit der der Vorstand an die Öffentlichkeitgegangen ist, zu goutieren. Laut Vizepräsident Mario Wollnik, beruflich in derCompliance-Abteilung eines großen Fahrzeugherstellers tätig und dank dieserQualifikation auch im Großen Rat mit der Aufarbeitung betraut, ist kein Sponsorabgesprungen, es habe stattdessen sogar einen kleinen Zuwachs gegeben. DieVerkehrsgesellschaft VGF hat der Betrugsfall jedenfalls nicht davon abgehalten, indiesem Jahr als „prinzliches Haus“ das Motto „Frankfurts Fastnacht ist der Hit / allefahr’n und feiern mit“ zu reimen und für die Kosten des Prinzenpaars Seine TollitätJanik I Mertzdorff und Ihre Lieblichkeit Sandra II Müller aufzukommen. „Ganz wichtigwar für uns die Transparenz, mit der das Präsidium agiert hat. Erst intern, dann in derÖffentlichkeit. Deshalb ist unser Vertrauen in die handelnden Personen nichterschüttert“, sagt Bernd Conrads, Sprecher der VGF und selbst im Großen Rat alsPressesprecher sowie bei den Heddernheimer Käwwern engagiert.
Oberbürgermeister Mike Josef (SPD), dessen Stadtverwaltung als großer Unterstützerder Fastnacht und als Träger der Carl-Schurz-Schule direkt betroffen ist, lobt ebenfallsden Umgang des Großen Rats mit dem Vorfall und weist auf Grenzen derKontrollmöglichkeiten hin. Konkreter wollte er sich mit Rücksicht auf die laufendenErmittlungen nicht äußern. In einem offiziellen Statement der Stadt heißt es aber:„Dass Menschen Straftaten wie Veruntreuung begehen, lässt sich nicht zu 100 Prozentverhindern, weder bei Vereinen noch in der Fastnacht oder in der öffentlichenVerwaltung. Entscheidend ist, dass solche Taten aufgedeckt und verfolgt werden. Dasist in diesem Fall passiert.“
Kein Compliancefall dürfte derweil werden, dass Josef das Kinderprinzenpaar für einEintracht-Spiel in die Loge der Stadt einladen will. Dabei gelte es, Moritz I zurEintracht zu bekehren. Und das geht dann vermutlich nicht nur zur Fastnachtszeit alsdezidiert politischer Auftrag für ein Frankfurter Stadtoberhaupt durch.
